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Okt 27, 2023 371 0 Pfr. Martin Sinnhuber
Begegnung

(K)eine krasse Lebensgeschichte

STRAIT: Martin Sinnhuber nahm nie Drogen, beging keine Straftaten und war nie im Knast. Und doch ist die Geschichte des Münsteraner Priesters alles andere als langweilig …

Dies ist KEINE krasse Lebensgeschichte! Ich war nie drogenabhängig, habe keine Straftaten begangen, war demzufolge nie im Gefängnis. Ich war weder stinkreich, süchtig, gewalttätig, betrügerisch oder sonst was. Noch hatte ich tausend Frauengeschichten oder war vor lauter Jetset-Leben so gelangweilt, dass ich keinen Sinn mehr für mich gesehen hätte. Und doch ist etwas Großartiges in meinem Leben passiert. Sonst wäre ich vor 25 Jahren niemals auf die Idee gekommen, katholischer Priester zu werden. Das ist krass!

Sinnkrise

Als Jugendlicher habe ich davon geträumt, Profisportler zu werden. Ich habe Handball gespielt in der höchsten deutschen Jugendspielklasse und stand kurz vor dem Sprung in die Nationalmannschaft. Und ich hatte seit meinem 14. Lebensjahr eine feste Freundin, die ich heiraten wollte. Sport und Beziehung waren neben der Schule meine Lebensinhalte. Für einen jungen Menschen eigentlich nichts Ungewöhnliches. Der Glaube an Gott hat keine große Rolle gespielt. Und ohne den Druck meiner Mutter wäre ich vermutlich nicht mehr zur Kirche gegangen. Die Gottesdienste in unserer kleinen Dorfkirche waren totlangweilig, die Gemeinde bestand überwiegend aus alten Leuten und die Lehre der Kirche, was den Sex betraf, kam mir völlig lebensfremd vor.

Kurz vor meinem 18. Geburtstag sind zwei Dinge passiert, die mein Leben entscheidend und nachhaltig verändert haben: Meine Freundin ist magersüchtig geworden. Natürlich nicht von heute auf morgen. Das ging über einen längeren Zeitraum. Aber schließlich ist darüber unsere Beziehung, die fast vier Jahre gedauert hatte, kaputt gegangen. Und in einem Punktspiel in Hannover habe ich als Torwart einen Ball so stark gegen den Kopf bekommen, dass ich ohnmächtig wurde, und ins Krankenhaus musste mit einer Hirnprellung. Diese Verletzung hat dazu geführt, dass ich mit dem Leistungssport aufgehört habe, weil mir meine Gesundheit wichtiger war.

Sinnkrise

Zwei Lebensinhalte, in die ich vorher viel Zeit investiert hatte, waren auf einmal nicht mehr da. Das hat mich in eine tiefe Sinnkrise gestürzt. Ich erinnere mich, wie ich auf meinem Bett saß, und irgendwie versucht habe zu beten. Das kannte ich noch aus meiner Kindheit. Aber es waren immer diese netten kleinen Kindergebete in Reimform gewesen. Jetzt fing ich plötzlich an, mit eigenen Worten auszusprechen: „Gott, ich weiß nicht mehr weiter. Wenn es dich wirklich gibt, dann lass mich das erfahren!“ Ich kann gar nicht genau sagen, was dann passiert ist, aber auf einmal flossen Tränen, und in mir hat sich ein tiefer Friede breitgemacht. Heute, im Rückblick, muss ich sagen, dass das wohl der Moment war, in dem Gott in mein Leben gekommen ist. Denn ich habe mich ganz tief angenommen gefühlt. Aus dem Leistungssport kannte ich vor allem das Muster: Stimmt deine Leistung, dann lieben wir dich; wenn nicht, bist du auch ganz schnell wieder weg vom Fenster.

Und ich habe vor allem an den Auswirkungen gemerkt, dass etwas anders geworden war. Denn ich weiß noch, dass ich damals einen ganzen Stapel mit Schallplatten weggeworfen habe, von denen ich spürte, dass diese Art Musik nicht mehr mit dem zusammenpasste, was da ganz zaghaft und neu in meinem Herzen zu leben begann.

Und ich habe mir eine Bibel gekauft, weil der Wunsch da war, mehr über diesen Gott zu erfahren. So habe ich angefangen, darin zu lesen und bin ziemlich bald auf das Wort aus dem Matthäusevangelium gestoßen: „Kommt zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ So direkt hatte noch nie ein Wort aus der Heiligen Schrift zu meiner Lebenssituation gepasst. Ich habe mich direkt und persönlich angesprochen gefühlt. So bin ich zu Jesus gegangen und habe ihm gesagt: „Wenn du mich einlädst, dann komme ich zu dir. Ich möchte, dass mein Leben dir gehört. Führe mich so, wie du es für richtig hältst.“

Und das hat er dann getan, und mir nach und nach eine Sehnsucht ins Herz gelegt, diese Frohe Botschaft von seiner bedingungslosen Liebe weiterzugeben.

Gott hat etwas anderes mit dir vor

Zwei Jahre später, während meiner Zivildienstzeit, hatte ich nochmal eine Beziehung. Aber seltsamerweise hat mich ab dem Moment, wo wir uns verlobt hatten – es also ernster wurde – innerlich das Wort nicht mehr losgelassen: Das ist nicht die Wahrheit! Zuerst habe ich das gar nicht verstanden. Denn diese Beziehung war ganz anders als die erste. Sie war nicht auf körperliche Attraktion aufgebaut, sondern wir haben zusammen unsere Beziehung zu Gott gelebt in einer charismatischen Gebetsgruppe. Die Momente des Zusammenseins waren schön und erfüllt. Und doch ist gleichzeitig eine innere Gewissheit immer größer geworden: Gott hat etwas anderes mit dir vor. Ein halbes Jahr später hat mich das fast zerrissen, weil ich diese leise Stimme nicht mehr überhören konnte. So haben wir die Verlobung gelöst, und ich bin für ein Jahr ins Ausland gegangen, um Abstand zu gewinnen und gleichzeitig im Rahmen einer Jüngerschaftsschule den Raum zu haben, für mich zu klären, wo mich mein Lebensweg hinführen sollte.

Von Herzen Ja

In diesen Monaten in Frankreich haben wir verschiedene Missionseinsätze gehabt, sind in Schulen oder auf die Straße gegangen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen über die tieferen Fragen des Lebens und auch über Gott. Dabei habe ich erfahren, wie unendlich froh es mich macht, von Jesus zu sprechen, mit Musik, Sketchen, Pantomimen die Botschaft seiner heilmachenden Liebe weiterzugeben. Und so habe ich nach und nach verstanden, dass es wohl das ist, wozu Gott mich in dieser Welt braucht. Und ich konnte von ganzem Herzen „Ja“ dazu sagen, mit der Leidenschaft und Inbrunst eines Einundzwanzigjährigen. Dafür wollte ich mein ganzes Leben einsetzen. Über dreißig Jahre sind seitdem vergangen, und es beglückt mich noch immer, diesen Weg gefunden zu haben.

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Pfr. Martin Sinnhuber

Pfr. Martin Sinnhuber , Jahrgang 1968, ist Priester der Gemeinschaft Emmanuel im Bistum Münster. Er war lange Zeit Pfarrer in der Stadt Münster und am Aufbau innovativer Projekte beteiligt. Seit vielen Jahren ist er als Seelsorger, geistlicher Begleiter und Beichtvater aktiv. Musik und Sport spielen in seinem Leben eine große Rolle. Er schreibt Texte, komponiert Lieder und genießt es, Zeit zum Lesen zu haben. Joggen oder lange Spaziergänge in der Natur geben ihm Entspannung und Gleichgewicht.

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